Atemlos durch falsches Atmen
von Dr. Ernst Adams
Eine neue medizinische Sichtweise erklärt die Entstehung der Atemwegserkrankungen als Folge chronischer Hyperventilation und ermöglicht so eine wesentliche Linderung oder Beendigung der Beschwerden.
Ein gesunder Körper ist im Gleichgewicht. Für den Blutdruck, die Körpertemperatur, den Tonus unserer Muskulatur, die Konzentration der einzelnen Hormone im Blut usw. gibt es einen jeweils optimalen Wert. Weicht der tatsächliche Wert zu weit davon ab, versucht der Körper, ihn zu regulieren.
Die Regulation eines aus den Fugen geratenen Körpers ist unter Umständen mit unangenehmen Erscheinungen verbunden. Wenn wir Ungesundes zu uns nehmen, kann es zu Erbrechen und Durchfall kommen. Wenn wir unter einer Infektion leiden, bekommen wir Fieber. Wenn der Blutzuckerspiegel sinkt, haben wir Hunger.
Wir werden gleich sehen, dass viele Atemwegsbeschwerden ebenfalls als eine Maßnahme des Körpers aufgefasst werden können, um ein verlorengegangenes Gleichgewicht wieder herzustellen.
Asthma wird im allgemeinen als eine Krankheit angesehen. Es ist gekennzeichnet durch Überempfindlichkeit der Bronchien. Sie verkrampfen leicht, die Schleimhäute sind entzündet, angeschwollen und produzieren zuviel Schleim. Ähnlich ist der Zustand der Schleimhäute in der Nase bei chronisch verstopfter Nase. Bei Belastung durch körperliche Anstrengung oder durch Kontakt mit einem Allergen kommt es dann zu einer Verengung der Atemwege. Man hat einen sogenannten Asthmaanfall oder die Nase schwillt zu.
Das war auch meine Einstellung bis vor kurzem. Ich hatte seit meiner Kindheit Asthma und seit meiner Jugendzeit eine mehr oder weniger ständig verstopfte Nase. Obwohl ich mit Hilfe von Medikamenten fast ohne Einschränkungen leben konnte, lebte ich immer im Bewusstsein, eine potenziell lebensbedrohliche Anfälligkeit und Schwäche der Lungen zu haben. Meine Nase war meist nur wenige Stunden am Tag frei. Auch wenn ich mich daran gewöhnt hatte, war es doch eine ständige Unannehmlichkeit und Belastung.
Vor einem Jahr fand ich im Internet Berichte über eine neue Sichtweise dieser Beschwerden und Anleitungen zur Selbsthilfe. Sie klangen sehr plausibel und enthielten eine simple Technik, wie man eine verstopfte Nase sofort frei machen kann, sowie Empfehlungen, mit denen man in der Regel einen leichten Asthmaanfall ohne Medikamente zum Beenden bringen kann. Des Weiteren ergab sich aus dieser Sichtweise eine Möglichkeit, sich in relativer kurzer Zeit von diesen Problemen weitgehend zu befreien.
Die Anwendung der empfohlenen Techniken hatte bei mir sofort Erfolg. Und nach wenigen Monaten war meine Nase dauerhaft frei. Ich konnte meine Asthmamedikamente drastisch reduzieren und habe jetzt kaum noch Beschwerden.
Der ukrainische Arzt Prof. Dr. K. Buteyko hat vor über 50 Jahren ein medizinisches Modell zur Entstehung der Atemwegsverengungen durch Schleim oder Verkrampfung entwickelt und wissenschaftlich ausführlich belegt. Demzufolge sind diese in der Regel eine Folge zu tiefen oder zu schnellen Atmens (der medizinische Ausdruck ist "Hyperventilation", s. Kasten weiter unten). Dabei gibt der Körper nämlich mehr Kohlendioxid (CO2) ab als physiologisch sinnvoll. CO2 ist aber keineswegs nur ein Abfallprodukt, sondern ein für viele körperliche Vorgänge wichtiges Gas (s. Kasten weiter unten). Sinkt die CO2-Konzentration zu weit ab, versucht der Körper sich zu schützen: die Atemwege schwellen zu bzw. verkrampfen.
Buteyko wurde auf den schädigenden Einfluss tiefen Atmens aufmerksam, als er damit beauftragt war, schwerst- und todkranke Patienten zu betreuen. Je tiefer die Patienten atmeten, desto schlechter ging es ihnen. Er beschäftigte sich daraufhin eingehend mit der Biochemie, die der Atemsteuerung zugrunde liegt und entdeckte die Bedeutung der Kohlendioxidregulation.
Seine Forschungen betrafen in erster Linie die Atemwegserkrankungen, weil diese sehr schnell durch eine Atemumstellung positiv beeinflusst werden konnten. Buteyko kam jedoch zu der Ansicht, dass eine Vielzahl der heute zu findenden Krankheiten und Beschwerden ursächlich auf Hyperventilation zurückgeführt werden können. Und wenn dies die Ursache ist, können sie gelindert oder geheilt werden, wenn der Patient sich die Hyperventilation wieder abgewöhnt.
Anfangs stieß Buteykos Theorie auf erheblichen Widerstand in der medizinischen Fachwelt der damaligen UdSSR. Es dauerte bis 1980, also etwa 30 Jahre, bis sie von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften anerkannt wurde. Heute werden in vielen Kliniken Asthmatiker, aber auch Menschen mit anderen Krankheiten wie z. B. Bluthochdruck, nach seiner Methode "behandelt". D. h. sie werden für einige Zeit betreut und darin unterwiesen, ihre Atmung umzustellen.
Ein Australier, der 1990 wegen seines Asthmas in Russland in eine Klinik eingeliefert werden musste, brachte die neue Sichtweise nach Australien und Neuseeland, wo bis heute bereits Zehntausende darin unterrichtet wurden. Inzwischen fasst die Methode auch in England und in den USA Fuß. In Deutschland gibt es erst zwei Buteyko-Lehrerinnen, die seit 1999 die Methode weitergeben. Weitere Informationen dazu sind im Internet zu finden unter www.freiesatmen.de und www.atemweite.de.
Asthma und Verstopfung der Nase (Rhinitis) sind so betrachtet also keine Krankheiten, sondern eine Notfallmaßnahme eines Körpers, der meist unbemerkt - verursacht durch Stress oder andere Faktoren - zu viel atmet. Befolgt man diese körperlichen Signale und atmet entsprechend weniger, hören die Beschwerden auf. Stellt man seine Atmung dauerhaft um auf ein normales Maß, treten die Beschwerden kaum noch oder gar nicht mehr auf.
Die Erfahrungen in Australien zeigen, dass Ärzte und die pharmazeutische Industrie der Buteyko-Theorie mit erheblicher Skepsis begegnen, auch wenn sie medizinisch-wissenschaftlich ausreichend belegt ist und begründet werden kann. Bisher gibt es nur wenige Ansätze der Schulmedizin, diese Sichtweise zu prüfen. Ein Schritt in diese Richtung war eine vor 10 Jahren in Brisbane, Australien, durchgeführte klinische Untersuchung mit 40 Menschen, die seit langem an schwerem Asthma litten. Diese Untersuchung belegte mit hoher statistischer Signifikanz, dass eine Umstellung ihrer Atemweise den Asthmatikern nach einigen Wochen des Übens eine Reduzierung ihrer Notfallsprays um durchschnittlich 90% und ihrer vorbeugenden Medikamente (Cortison) um 50% ermöglicht. Weitere Studien werden z. Zt. in England durchgeführt.
Es werden wahrscheinlich die Menschen sein, denen diese Methode hilft, die schließlich ihre Ärzte bewegen werden, in anderer Weise als bisher auf Erkrankungen der Atemwege zu schauen.
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Dr. Ernst Adams ist
Iyengar-Yoga-Lehrer und Körpertherapeut.
Internet: www.freiesatmen.de und
www.yoga-praxis.de
Die
Bedeutung von Kohlendioxid (CO2)
Entgegen der landläufigen Meinung ist CO2 keineswegs nur ein Abfallprodukt, das bei der Umsetzung des Sauerstoffs in Energie anfällt. In der Tat spielt es eine wichtige Rolle im Körper, z. B. als Puffer im Säure-Basen-Haushalt und bei der Entspannung der glatten Muskulatur. Eine genügend hohe Konzentration davon in der Lunge und im Blut ist lebensnotwendig. Der normale CO2-Wert von 40 mm Hg im Blut (Partialdruck) darf nicht zu weit unterschritten werden.
Ein zu niedriger CO2-Gehalt (Hypokapnie) schränkt die Fähigkeit der roten Blutkörperchen ein, Sauerstoff an die Zellen abzugeben. Dies ist als Bohr-Effekt seit 1904 bekannt. Chronischer CO2-Mangel hat außerdem schädigende Auswirkungen auf nahezu alle körperlichen Vorgänge, führt zu einer geringeren Produktion des körpereigenen Cortisons (Kortisol) und schwächt so das Immunsystem. Das allgemeine Erkrankungsrisiko steigt. Auch die bei Asthmatikern regelmäßig zu findende Entzündung der Schleimhäute in den Lungen lässt sich darauf zurückführen.
Auch bei der Atemsteuerung spielt CO2 eine wichtige Rolle. Beim Gesunden enthält die Luft in der Lunge etwa 6% CO2 gegenüber 0,03% in der uns umgebenden Atmosphäre. Dieses Niveau ist für unsere Gesundheit notwendig und wird normalerweise durch Regelung der Atemfrequenz und Atemtiefe aufrechterhalten.. Sinkt der CO2-Wert unter 3%, funktioniert der Gasaustausch in der Lunge nicht mehr. Die Atemsteuerung orientiert sich in erster Linie am CO2-Gehalt des Körpers und vertieft oder beschleunigt z. B. die Atmung, wenn der CO2-Wert zu hoch ist. Es ist also in der Regel nicht der Bedarf an Sauerstoff, der eine Einatmung auslöst, sondern der Überschuss an CO2. Erst im Notfall, bei tatsächlichem Sauerstoffmangel, tritt die Notwendigkeit der Versorgung mit Sauerstoff an erste Stelle, und verstärktes Atmen wird ausgelöst.
Wie
kommt es zur Hyperventilation?
Normalerweise ist es die Aufgabe der Atmung, den CO2-Stand im Körper zu regulieren und uns mit Sauerstoff zu versorgen. Bei körperlicher Anstrengung zum Beispiel wird in den Muskeln Sauerstoff in Energie umgesetzt und CO2 fällt vermehrt als "Abfallprodukt" an. Deshalb atmen wir in diesem Fall mehr, auch um den Sauerstoffbedarf zu decken, aber vor allem um den CO2-Überschuss loszuwerden.
Bei einem ruhig ausgeführten Atemzug nehmen wir etwa 0,5 Liter Luft auf. Pro Minute atmen wir in Ruhe 12 bis 14 Mal, setzen als 6 bis 7 Liter Luft um. Das nennt man das "Atemminutenvolumen". Liegt der Luftumsatz höher als physiologisch notwendig, spricht man von Hyperventilation. Deren wesentlicher Effekt ist nicht die Zunahme des Sauerstoffs im Blut, sondern die Abnahme von Kohlendioxid.
Nach Ansicht vieler Mediziner ist das chronische Hyperventilationssyndrom (CHVS) weit verbreitet. Symptome sind Schwindel, Brustschmerzen, kalte Hände und Füße sowie verschiedene psychische Beschwerden: Müdigkeit, Schlappheit, Schläfrigkeit, Wetterfühligkeit, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Reizbarkeit, Angespanntheit, ängstliche oder depressive Symptomatik.
Der wesentliche Faktor, der uns zu viel atmen lässt, ist Stress. Bei jeder Form von Belastung oder Bedrohung schüttet der Körper Hormone aus, die unter anderem auch die Atmung anregen. Des Weiteren kann ein verstärktes Atmen hervorgerufen werden durch:
- zuviel essen
- viel reden (eventuell beruflich bedingt)
- tierisches Eiweiß, Alkohol
- Mineralstoffmangel oder -überschüsse, Übersäuerung
- die Ansicht, tief atmen sei gesund
- zu warme Kleidung
Eine sehr informative Erläuterung des Phänomens Hyperventilation und seiner Folgen findet man auf der Internetseite des österreichischen Psychologen und Psychotherapeuten, Dr. Hans Morschitzky www.panikattacken.at.